9. . november

wirkgrad8 . -7 . -6 . -5 . -4 . -3 . -2 -1– 0 – 1

hueter des leben. muessen wir sein. sagen. nein

0 – hier – moechte ich bitte – die wirklichkeit .. annehmen – den . null-meridian = 0

8 = unser leben .. kostet . der erde 8 . leb-einheiten. das ergibt . unseren – wirkgrad & intelligenz = 8

tot ⇐ bes – toeta – westen ⇐ erde ⇒ osten – buerga – mensch ⇒ leben

– wow-vorsicht-ueberlebens-gefahr-lebland . im . entstehen schoenchen hallo wir muessen . sollten tun – unser. wirkgrad- minus acht. . intelligenz. . minus acht- /verbunden . es ist. aussichtslos. oda / – im zeichen. der null – ausschnitte-bis-juni-2019

guten tag – geehrte – es tut mir sehr sehr leid. geehrte. ich mag doch nicht so. . mit uns. . wissen sie. geehrte. tut mir leid. zumal. . meine leutchen. heut feiern. . geehrte. raeumen wir. . die luegen aus. . geehrte. wenn. sie. . noch so. . gebetet werden. . gruss . lassen sie uns. . leben. . geehrte. . mensch. . werden. lernen wir. . geehrte. . was. . demagogie ist – wie. . laecherlich. . geehrte. wie laecherlich. . sind wir. . geehrte. sie. . wir leute. . meines volkes. . (muss hier. geehrte. vieleicht noch was machen. geehrte.  ist spaet. gruss)

fuer mich. . geehrte. . fuer das leben. . ist es eigentlich. . zeitverschwendung. so kram hier. zu machen. geehrte. waeren wir nicht. . so. xx. hab ich zu dem. von vor dreissig jahren. geehrte. sie sowjetunion. erwaehnt. einen herrn. und andere. geehrte. . ich weiss nicht

man leute. wir haben. zu tun. solch quack. . nicht

ich spreche – hier – zum neunten november. zufaellig ein tag. . geehrte – welcher mein volk. wieder und wieder. heimsucht. eigentlich. muessten wir zu den dingen sprechen- die wir zu tun haben. sie sind saemtlich. . das gegenteil. . unten in der seite – zwei beitraege – von herrn krenz und benserkrenz– eine buchvorstellung – (hier hoeren sie) – in der linken – sein neues buch – wir und die russen

guenter benser– zwei deutsche staaten im 20. jahrhundert1 – geschichtskorrespondenz marxistischer arbeitskreis zur geschichte der deutschen arbeiterbewegung bei der partei die linke –

hallo. . ich denke. . nicht daran. . geehrte. mich uns. . unserer. . erbaermlichkeit. geehrte. . unserer. . verkommenheit. . zu ergeben. ich moechte uns weiter. . geehrte. den weg. . ins leben. . zeigen. zeigen. . geehrte. . wie wir. . mensch. . werden. sehen wir nicht. . geehrte. wie. . unser leben. unser. . aller leben. . in den tot. laeuft. . verkommen. . wie wir sind. geehrte. . sehen wir. . das nicht. sehen. . wissen. verstehen. . nicht. das. . einfachste. . geehrte. wow. . wie. . daemlich. . geehrte. . wow

ich fuege uns hier. . beitraege. . von herrn krenz. und herrn benser ein. 1945 – konnten uns zuerst – die sowjetischen leute. die anti-hitler-koalition. die alliirten. die guten leute. . unserer erde. . sie konnten. . unseren alten. den alten. . teutschen. . faschismus. . besiegen. geehrte. nun. . geehrte. haben wir. . unseren. . neuen. . was. soll. das. geehrte. was soll er. . unser. . faschismus

geehrte. . hallo. der neunte. . november. . geehrte. . antievolution. . kristallnacht. unsere. . verratene. . revolution. in teutschland. . teutschland. geehrte. . dieses land. . moechte ich uns. . schlecht-machen. geehrte. . oder. . wachmachen –

geehrte. . hallo. . ich gruesse sie. . ich moechte mich. . an dieser stelle. . nicht weiter. aufhalten. mein volk. . geehrte. es scheint. . tatsaechlich. . zuerst. . ein erbaermliches. es tut mir leid. es tut mir leid. . geehrte. nicht alle. . von uns. . moechten. . so sein

es tut mir leid. . geehrte. es macht. . niemanden froh. geehrte. . niemand

heut. die ganze woche schon. . dreissig jahre nun. . ueber. . einhundert jahre. geehrte. . ueber einhundert jahre. . leben wir. . als. . faschisten. morden. brennen. . sengen. . heut. . geehrte. . feiern wir. . unsere erfolgreiche. . anti-evolution. welche wir. . vor. . dreissig jahren. . vollzogen haben – die wirklichkeit. geehrte. sie ist. . grausam. unsere. . verratene. . revolution. . lassen wir. . die usa. . ausser betracht. wir haben. . unsere revolution. . verraten. wir verraten. . alle. . revolutionen. befragen wir dazu. . unsere spd. unsere. . gewerkschaften. unser. . kapital. das agressive. . wir muessen es. nicht. . befragen

dann. geehrte. haben wir. . die kristallnacht. wieder. . haben wir uns. haben wir. das leben. . verraten. nun. . unsere. . antievolution. geehrte. wir. . feiern sie

so ist er. . unser faschismus. . geehrte. sind wir. . tut mir leid. . ich habe keinen bock. . geehrte. dieses miese. . zu sagen. verfluchte. faschisten wir. geehrte. . verfluchte. faschisten

antievolution – kristallnacht – gescheiterte. . hundert. jahre. . teutsche. . geschichte. . immer. . geehrte. . siegt. . die. reaktion . . (es ist. . interessant. . geehrte. . auf. in. . wikipedia. steht – die reaktionsaera – die teutsche. . sie ist. . 170 jahre. . her. . vieleicht. geehrte. immer. . geehrte. . siegt. . in teutschland. . die. . reaktion). so. . ist es. . geehrte. sind. . wir

hier noch etwas – aus der laufenden seite. in diesem blog. darunter die beitraege der herrn – / anti-evolution. – 09. . november – auf unserer erde. . brennen. . die waelder. leute. . ertrinken. es ist die zeit. der verbrecher. der scharlatane. der schwachkoepfe. verfluchte. . faschisten. in lausanne – gab es den kongress –smile for future- welchen sinn. macht so-etwas. in der welt. der faschisten

selbstbetrug

das sein. . in wahnvorstellungen

die konsequenz – der konkurrenz

was ich hier anspreche. geehrte. das bezieht sich. . aufs ganze. das ganze. . auf unser. . ganzes leben. beziehen sie das bitte nicht. . in unser menschliches

wir verwenden. . unsere lebenszeit. . zu toeten. wir verwenden. . unsere lebenszeit. . zu toeten

das reich gottes – der kommunismus

es sind. . kinder. sie werden. . keine maenner. keine. . frauen. nicht. . erwachsen

zwanzigstes und einundzwanzigstes jahrhundert – meine – sind aufs ganze – gesehen. ganz unfaehig. wir haben. stroh. . im kopf. das ist. . zum leben. . zu-wenig. unter meinen. nicht nur. . uns. . westlichen. ist. . nix. ich habe da keine freude. geehrte. wir sollten. . das aendern – gruss

wie. . stoffwechseln wir – (bin heut froh. geehrte. dass ich all. . den quack. . zu 99%. + plus x. . eingekuerzt. habe. gruss) – antievolution –

(09.11.2019) – antievolution – heut. heut. . geehrte. . ist einer. . der grossen. . faschistischen feiertage. der neunte. . november. man jubelt. der anlass. . ist die. . sogenannte. . maueroeffnung. ein zettel

die ddr. . die leute dort. . nehmen wir. . wegegangene. . einige. . krichenleute weg. alle anderen. . wollten. . eine. andere. ddr. sie wollten sie. . weiter-entwicklen. die antievolution. so hoeren sie hier gleich. . plante. . am vierten november. . des jahres. 1990. . einen durchbruch. . einen durch-bruch. . durch das. . brandenburger tor. ich schrieb hier eben. . der westen. . er ist mir. . egal. nein. . natuerlich nicht. geehrte. im. gegenteil. im. gegenteil. . geehrte. . der westen. ist mir. . nicht. egal. er war es mir. . auch. . frueher nicht. geehrte. ich wollte ihn. . frueher. . geehrte. als ein reich. . gottes. den. . kommunismus. ich moechte das heut noch. logo. . heut. . geehrte. feiert. . die antievolution. tut mir leid. . lange. . geehrte. koennen wir nicht mehr. . in ihr leben. die uns. . folgenden. . nicht. der faschismus. ist kein. system. . fuer unsere erde. nein. . niemals. es passt nur. . fuer unsere besitza. geehrte. . der westen. . geehrte. er ist mir. nicht. egal. . gruss

(machen wir. . geehrte. . mit den luegen. . des faschismus. . ein ende . (vieleicht braucht er sie. nicht mehr. lange). hier einer. . der juengsten. beitraege – zur teutschen. . europaeischen. zur weltgeschichte – gruss))

– geehrte. . guten morgen. . mitternacht. ist noch so. . mitternacht. . der neunte. . ist nun. . geehrte. der. . neunte. . november. . . was. . geehrte. interessiert mich. . geehrte. . interessiert uns. . geehrte. . unser faschismus. der westen. . geehrte. mich interessiert. das leben. . geehrte. . unsere menschwerdung. geehrte. . so –

antievolution – kristallnacht – gescheiterte. . verratene. . revolution. . hundert. jahre. . teutsche. . geschichte. . immer. . geehrte. . siegt. . die. reaktion . . (es ist. . interessant. . geehrte. . auf. in. . wikipedia. steht – die reaktionsaera – die teutsche. . sie ist. . 170 jahre. . her. . vieleicht. geehrte. immer. . geehrte. . siegt. . in teutschland. . die. . reaktion). so. . ist es. . geehrte. sind. . wir

anti-evolution. – 09. . november

antievolution – neunter – november

antievolution neunter. november

aus dem amt. . draenge. . kein schwachsinn

hatte schon. . ick. . hatte. . das xxx. . entwickelt. . unseren. . schwachsinn. . geehrte. . ihn. . uns. . zu stoppen. unseren. . faschismus. . den. . toeta. die. . ausbreitung . existenz. . der totsphaere. . unsere. . wir. . der westen

tue ich das. . allein. . geehrte. . nein

sein. . unwesen. . unser. . unwesen

es ist. . der westen. geehrte. der. . faschismus. welcher. . in seiner. . gestalt. . nicht. . der westen. . geehrte. als. in. . himmelsrichtung. nein. . seine gestalt. . geehrte. so. . unsere. totsphaere. wir muessen sie. . muessen uns. . wandeln. geehrte. in unser. . gegenteil. . vom toeta. . geehrte. zum. . mensch. . zum. . mensch. . das heisst. . in unser. . gegenteil. geehrte. sind alle. . dimensionen. . geehrte. teil. . der. . unseren. sind sie. . i. sind sie. . inclusiv. . geehrte. . so. und. . sind sie. . geehrte. . sind sie. . dimensionen

hatte. . das xxx. . entwickelt. . unseren. . schwachsinn. . geehrte. . unser. . absolutes. . unwesen. den westen. . unser. . wesen. . die totsphaere. . zu stoppen. so

saufen. fressen. . scheissen. das. ganze. . erdental. . zu. . wir. . im westen. wie. . angesteckte. . saufen. . fressen. . scheissen. das. . ganze. . erdental. . zu. genug. . geehrte. . bekommen wir. . koennen wir. . nie. . nie. . bekommen. nie. . wie. . wollten wir. . geehrte. sonst. . konkurrieren

so sind. . meine leute. . geehrte. sind wir. . tut mir. . leid. . gruss

unsere. . totsphaere. so ist er. . . unser. . faschismus. sind wir. . faschisten. . der toeta

loesen wir uns auf. im. . westen. . wir. . im. westen. geehrte. werden. mensch. . stecken. unsere. . die leute. . auf erden. nicht mehr an. . niemals. . mehr. . geehrte. . niemals

machen wir das. . nicht. . klein. . faschisten. schuldigung. . bitte. liebe. – toeta. machen wir das. – geehrte. machen wir das. . geehrte. machen wir. das. . uns. . nicht. . klein. . geehrte. faschismus. . geehrte. ist. . faschismus. geehrte. . ist. . faschismus. so. . geehrte. das

hatte ich uns. . geehrte. . tatsaechlich. das. . xxx. . entwickelt. hatte ich es. . schon. . vergessen. geehrte. ich weiss nicht. nein. . vieleicht

geschichte. . neunter. . november. gescheiterte. . verratene. . revolution. . kristallnacht. anti-evolution. lassen sie uns. . sprechen. geehrte. lasssen sie uns. . sprechen. gruss . (es ist. . interessant. . geehrte. . auf. in. . wikipedia. steht – die reaktionsaera – die teutsche. . sie ist. . 170 jahre. . her. . vieleicht. geehrte. immer. . geehrte. . siegt. . in teutschland. . die. . reaktion). so. . ist es. . geehrte. sind. . wir. tut mir. . leid

(08.11.2019) . . usw. –

/ hier die beitraege von herrn krenz und benser – /\ krenz– eine buchvorstellung – (hier hoeren sie) – in der linken – sein neues buch – wir und die russen

Guenter Benser– Zwei deutsche Staaten im 20. Jahrhundert1 – (GeschichtsKorrespondenz Marxistischer Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Partei DIE LINKE )

Ein derart weitgefasstes Thema laesst sich nur in grundsaetzlichen Aspekten behandeln, auf einer Stufe der Verallgemeinerung, auf der es nicht ohne Vergroeberungen abgeht und Vieles eigentlich weiter ausdifferenziert werden muesste. Aber zu Zeiten, in denen die offizielle Politik rechtfertigende und stuetzende historische Erzaehlungen grassieren, erscheint das Besinnen auf generelle geschichtliche Zusammenhaenge, Motivationen und Resultate unerlaesslich. Die Jahresberichte zum Stand der deutschen Einheit sehen sich zunehmend veranlasst, „gegenseitiges Verstaendnis der verschiedenen Lebenswege der Menschen im vereinten Deutschland“, „Anerkennung der Lebensleistung und … Respekt vor den Bruechen in der Biografie vieler Menschen in Ostdeutschland“ anzumahnen.2 Genau genommen handelt es sich um das verschluesselte Eingestaendnis vertaner Chancen und offenkundiger Fehlentwicklungen im Zuge des Anschlusses ostdeutscher Laender an die Bundesrepublik.3 Das haengt damit zusammen, dass der oeffentliche Diskurs zur deutschen Geschichte nach 1945 einen prinzipiellen Konstruktionsmangel aufweist: Die Geschichte der Bundesrepublik wird von ihren Anfaengen her erzaehlt, die der DDR dagegen von ihrem Ende her.4 Weder die Geschichte der DDR noch die der BRD lassen sich aus sich selbst heraus, ohne ihre Wechselbeziehungen und internationalen Verflechtungen, ohne ihre Verwurzelung in den langfristigen Prozessen deutscher Geschichte erklaeren. In den Medien und den Statements tonangebender Politiker und anderer Meinungsmacher dominieren aber regelmaessig vorverurteilende Erzaehlungen von Geschehnissen, deren Interpretation vor allem mit staendig wiederholten subjektiven aeusserungen von Zeitzeugen belegt wird. Jahrestage bieten hierfuer willkommene Anlaesse. Und so hangelt sich die DDR-Erzaehlung entlang der Ereigniskette „Zwangsvereinigung“, „Berlinblockade“, „Arbeiteraufstand 17. Juni 1953“, „Mauerbau“ und „Mauerfall“. Nicht, dass dies keine herausragenden Begebenheiten deutscher Nachkriegsgeschichte waeren, aber lassen sich so Ursachen und Folgen deutscher Zweistaatlichkeit hinreichend erklaeren? Sind auf diese Weise die Resultate, die Leistungen und Fehlleistungen beider deutscher Staaten, die fast ein halbes Jahrhundert nebeneinander existierten und mit einander konkurrierten, erfassbar? Da stellen sich doch noch ganz andere Fragen: Wie war es um den Einsatz beider deutschen Staaten fuer die Schaffung einer friedlichen, auf Koexistenz ausgerichteten Nachkriegsordnung bestellt? Wie verhielten sie sich zu den antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt? Welche Rolle spielten sie bei der Abrechnung mit dem Faschismus, welcher Staat sah sich den Traditionen des antifaschistischen Kampfes verpflichtet? Wo erwuchs Reichtum aus Ausbeutung und aus Profiten und wo war die eigene Arbeit die Hauptquelle des persoenlichen Einkommens? Wo dominierten nach wie vor die alten belasteten Eliten, und wo fand in neuen Groessenordnungen ein Aufstieg der unterprivilegierten Schichten statt? Hier tun sich Felder sinnvoller Vergleiche auf, die in diesem Exkurs nicht alle beackert werden koennen. Nicht nur die BRD, auch die DDR hat ihr Spur in der Geschichte gezogen, und sie ist in vielen Bereichen noch immer praesent: Im oeffentlichen Raum in Zeugnissen der Architektur und der

1 ueberarbeitete Fassung eines Vortrages, der am 12. September 2019 im Marxistischen Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Partei Die Linke gehalten wurde. 2 Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2018, S. 14. 3 Siehe Guenter Benser: Die vertanen Chancen von Wende und Anschluss. Es bleibt eine offene Wunde oder Warum tickt der Osten anders?, Berlin 2018. 4 Siehe Juergen Hofmann: Die Doppelbiographie der Bundesrepublik Deutschland. Anmerkungen zum Nachhall der deutschen Zweistaatlichkeit. In Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, Nr. 119, September 2019, S. 94.

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bildenden Kunst wie auch in deren vereinigungsbedingten Ruinen und Kahlschlaegen, in Denkmalen und Strassennamen; in vielen ostdeutschen Wohnungen, ihrem Mobiliar und ihren Gebrauchsgegenstaenden, deren Privatbibliotheken und Fotosammlungen; in den Mentalitaeten und Verhaltensweisen der Menschen und das generationsuebergreifend; in der individuellen und kollektiven Erinnerungskultur. Der Geschichtsdiskurs findet indes nur partiell statt, denn die mit Geschichte und Kultur befassten Wissenschaftler mit DDR-Provenienz wurden in eine Nische verbannt, deren Isolierung nicht leicht zu durchbrechen ist. Das sind einige Gruende, weshalb eine tragfaehige historische Sicht, wie auch das Zusammenleben der Deutschen (und der Zugewanderten) ein grundsaetzlicheres, tiefer in die Geschichte zurueckgreifendes Herangehen verlangen. Denn im staatlich wiedervereinigten Deutschland trafen zwei der Vergangenheit entwachsene Straenge deutscher Geschichte aufeinander. Sie wirken bis heute nach und machen somit die historischen Substanz der gegenwaertigen Bundesrepublik aus, unabhaengig davon, wie sie im Einzelnen bewertet und gewichtet werden. Die Bundesrepublik Deutschland des 21. Jahrhundert hat also eine Doppelbiographie, die aber im vorherrschenden Meinungsbild noch nicht angenommen worden ist. Hier erscheint die Geschichte der DDR noch immer ueberwiegend als negative Kontrastfolie, auf der das lichte Bild der BRD umso heller hervortritt. Ein kontrastierender Umgang mit Geschichte zeigte sich schon bei der Gruendung der beiden deutschen Staaten. Symptomatisch hierfuer waren die ersten Regierungserklaerungen. Bundeskanzler Adenauer, der die unruehmliche juengste Vergangenheit moeglichst rasch hinter sich lassen wollte, gab eine voellig geschichtslose Erklaerung ab. Die Frage nach dem Platz des eben gegruendeten Weststaates in der deutschen Geschichte wurde von ihm nicht thematisiert, obwohl er in anderen Zusammenhaengen durchaus historisch argumentierte.5 Ministerpraesident Grotewohl dagegen verortete in seiner Regierungserklaerung die Deutsche Demokratische Republik in der deutschen Vergangenheit, griff vor allem auf die Lehren des Ersten Weltkrieges und der Novemberrevolution zurueck und deutete die Staatsgruendung als Antwort auf Irrwege deutscher Geschichte. 6 Eine tiefer lotende Geschichtsbetrachtung sollte in Betracht ziehen, dass das deutsche Volk in seiner tausendjaehrigen Geschichte am Ende des Zweiten Weltkrieges nicht einmal ein Jahrhundert in einem deutschen Einheitsstaat gelebt hatte. Nachdem die um Einheit und Freiheit kaempfenden deutschen Revolutionaere von 1848/1849 eine Niederlage hinnehmen mussten, setzte Bismarck eine Reichsgruendung auf dem Wege dreier dynastischer Kriege als „Revolution von oben“ durch. Das so unter preussischer Fuehrung und Hegemonie entstandene deutsche Kaiserreich existierte knapp ein halbes Jahrhundert, die auf den Sturz der Monarchie folgende Weimarer Republik eineinhalb Jahrzehnt, Hitlers Grossdeutsches Reich ein Dutzend Jahre. Die deutsche Zweistaatlichkeit waehrte vier Jahrzehnte. Keiner dieser deutschen Staaten darf als „Fussnote der Geschichte“ abgetan werden. Die deutsche Kleinstaaterei laesst sich wahrlich nicht als Idealzustand beschreiben. Doch auch zu ihren Zeiten wurden in deutschen Landen bedeutende Leistungen auf dem Felde von Wissenschaft und Technik, Bildung, Architektur, Literatur, Musik, Malerei, bildende Kunst erbracht. Ausgebremst war hingegen der Vormarsch der kapitalistischen Produktionsweise, die Herausbildung einer Nationaloekonomie mit entsprechender Infrastruktur, eine deutsche Wirtschaftsinteressen nach aussen vertretende Zentralmacht, die einen anderen Grossmaechten vergleichbaren Einfluss auf die Aufteilung der Welt zu nehmen vermochte. Einheit – gemeint als staatliche Einheit auf Basis einer nationalen Volkswirtschaft und eines nationalstaatlichen Marktes, verbunden mit dem kulturellen und politischen Zusammenwachsen der Deutschen – entsprach der Logik der historischen Entwicklung und war die guenstigste Variante fuer die Entfaltung des Kapitalismus auf deutschem Boden. Sie beschleunigte auch die Entfaltung der

5 Siehe Konrad Adenauer: Reden 1917-1967. Eine Auswahl. Hrsg. v. Hans-Peter Schwarz, Stuttgart 1975, S. 153-169. Siehe auch Guenter Benser: Ulbricht vs. Adenauer. Zwei Staatsmaenner im Vergleich, Berlin 2015. 6 Siehe Otto Grotewohl: Im Kampf um die einige deutsche demokratische Republik. Reden und Aufsaetze. Auswahl aus den Jahren 1945 – 1953. Band I: 1945 – 1949, Berlin 1954, S. 513-515.

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Arbeiterbewegung in nationalem Massstab. Insofern entsprach der Drang zu nationaler Einheit sowohl Interessen der aufstrebenden Bourgeoisie als auch der sich formierenden Arbeiterklasse und weiter Teile der Mittelschichten. Aber der Einheitsstaat sollte nicht zum Fetisch gemacht werden. Er litt fruehzeitig unter nationalistischer uebersteigerung. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, Kampf um den „Platz an der Sonne“, „Blut und Boden“, „Lebensraum“, „voelkische und rassische ueberlegenheit“ in solchen und anderen Devisen fanden expansionistische Ambitionen ihren populistischen Ausdruck. Generell handelt es sich bei Teilungen, Sezessionen, Zusammenschluessen von staatlichen Gebilden um komplizierte, vielschichtige historische Prozesse. Das Ringen um nationale Einheit ist nie frei von Klassenwiderspruechen und Klasseninteressen. Die Verwirklichung nationaler Einheit der Deutschen war begleitet von Aggressionen und Expansionen, Militarisierung, Deutschtuemelei, Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus, Verkleisterung sozialer Gegensaetze, Personenkult und anderen Gebrechen, die sich nicht negieren lassen. Mit ihrer Betonung des sozialen Gehaltes der nationalen Frage war die DDR-Historiografie grundsaetzlich im Recht. So lassen sich die zum Anschluss der DDR an die Bundesrepublik fuehrenden Vorgaenge der Jahre 1989/1990 nicht ohne einen Rueckgriff auf die historischen Trends des verflossenen Jahrhunderts verstehen. Nach der Reichsgruendung, dem Sturz der Monarchie und der Errichtung einer deutschen Republik mit einer in Manchem kritikwuerdigen, aber im internationalen Vergleich zu den besseren gehoerenden Verfassung war der deutsche Einheitsstaat eigentlich eine von inneren und aeusseren Kraeften akzeptierte Institution. Deren Zerbrechen oder Zerstoerung schien kaum vorstellbar. Der Versailler Vertag hatte das deutsche Territorium zwar beschnitten, aber die Existenz eines souveraenen einheitlichen deutschen Staates war von keiner Seite ernstlich infrage gestellt worden. Die Gefaehrdungen deutscher Einheit kamen von innen, sie erwuchsen aus der von den deutschen Faschisten betriebenen verbrecherischen Kriegs- und Ausrottungspolitik.7 Es war mithin legitim, dass die alliierten Siegermaechte ueber eine Teilung Deutschlands nachdachten. Es gehoerte zu den gemeinsamen Kriegszielen der Antihitlerkoalition, einen zu Revanche und zu Aggression faehigen machtvollen Staat im Zentrum Europas nie wieder zuzulassen. Die Aufteilung des besiegten deutschen Staates schien dazu ein naheliegendes probates Mittel zu sein. Die Deutschen konnten dies nur abwenden oder in seinen Folgen mildern, wenn sie durch den Sturz Hitlers einen eigenen international anerkannten Beitrag zur Herbeifuehrung des Friedens leisteten. Da dies trotz der aufopfernden Anstrengungen der deutschen Widerstandsbewegung nicht gelang, stand bereits vor der bedingungslosen Kapitulation fest, dass es ein verkleinertes, besetztes Deutschland geben wird, in dem die Alliierten die Regierungsgewalt in ihre eigenen Haende nehmen wuerden, in gemeinsamer Verantwortung fuer das ganze Restdeutschland und jeder mit einem hohen Grad an Selbstaendigkeit fuer seine Besatzungszone. Es war zunaechst eine offene Frage, ob sich das Besatzungsregime als uebergangsloesung bis zu einem Friedensvertrag und den Abzug der Besatzungsmaechte erweist, oder ob es sich verstetigt und dem Aufbau einer einheitlichen demokratischen deutschen Republik auf Grundlage der auf der Potsdamer Konferenz gegebenen Zusicherungen entgegenwirkt und diesen verhindert. Jedenfalls existierte kein Automatismus, der unausweichlich zur Zweistaatlichkeit fuehren musste. Nach dem Sieg ueber den Hitlerfaschismus eroeffneten sich auf der internationalen Ebene zwei Wege der Nachkriegsentwicklung: Fortfuehrung der Kooperation der Antihitlerkoalition oder Rueckkehr zu der Konfrontation zwischen Westmaechten und Sowjetunion der Vorkriegszeit.8 Die Chancen der ersten Variante werden heute meist verneint oder kleingeredet. Doch es sprach so manches fuer eine solche Entwicklung: Die Siegermaechte einigten sich auf die Strukturen und

7 Siehe Guenter Benser: Der Untergang des Deutschen Reiches. In: Zeitschrift fuer Geschichtswissenschaft 1989/5. 8 Siehe Rolf Badstuebner: Vom „Reich” zum doppelten Deutschland. Gesellschaft und Politik im Umbruch, Berlin 1999.

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Kompetenzen der Organisation der Vereinten Nationen. Sie installierten einen Rat der Aussenminister als Gremium diplomatischer Klaerungen und des Interessenausgleichs. Sie vermochten es, Friedensvertraege mit den Verbuendeten Deutschlands zu vereinbaren und abzuschliessen. Sie legten sich auf die im Potsdamer Abkommen formulierten Prinzipien der Behandlung Deutschlands fest. Die gemeinsame Ausuebung der obersten Gewalt ueber Deutschland funktionierte trotz mancher Reibungen anfangs durchaus. Der Alliierte Kontrollrat erliess bis Ende November 1946 drei Proklamationen, 43 Gesetze und 40 Direktiven.9 Von November 1945 bis Oktober 1946 tagte in Nuernberg der Internationale Militaergerichtshof und faellte seine Urteile ueber die deutschen Hauptkriegsverbrecher. Die politische Lager uebergreifenden internationalen Organisationen – der Weltgewerkschaftsbund, die Internationale Demokratische Frauenfoederation, der Weltbund der Demokratischen Jugend und der Internationale Studentenbund – funktionierten in den ersten Jahre trotz politischer Meinungsverschiedenheiten. Es war zunaechst nicht in erster Linie die deutsche Frage, in der Differenzen zwischen den Alliierten hervortraten. Gravierender waren andere Konfliktlinien: Die polnische Frage, bei der es wesentlich darum ging, ob die in Grossbritannien wirkende polnischen Exilregierung oder die aus dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung hervorgegangene kommunistisch gefuehrte Provisorische Regierung der Republik Polen als die rechtmaessige Vertretung anerkannt werden sollte, oder die Haltungen zu den buergerkriegsaehnlichen Auseinandersetzungen um die kuenftige Gestaltung Griechenlands. Die Zerwuerfnisse in Bezug auf Deutschland offenbarten sich zuerst vor allem in der Reparationsfrage, als die USA die Befriedigung sowjetischer Wiedergutmachungsansprueche aus ihrer Zone verhinderten. Werfen wir einen Blick auf die deutschen politischen Kraefte, so ueberwog jene Auffassungen, welche die Zoneneinteilung ueberwiegend als eine voruebergehende Erscheinung betrachteten. Das galt fuer die Bestrebungen einer demokratischen Umgestaltung Deutschlands von unten wie von oben. In den Antifaschistischen Ausschuessen galt der Neuaufbau eines antifaschistisch-demokratischen Deutschlands als einheitliche Republik mehr oder weniger als selbstverstaendlich. Im Unterschied zu 1918/1919 vermochte sich der basisdemokratische Neuansatz allerdings nur auf lokaler, hoechstens regionaler Ebene zu organisieren. Wenn die ueberwiegend aus der Arbeiterbewegung kommenden Akteure sich auf die unmittelbaren Aufgaben – Liquidierung der ueberreste des Faschismus, Sicherung des ueberlebens der Bevoelkerung, Aufbau antifaschistisch-demokratischer Strukturen von unten her – konzentrierten, so waren in diesen Kreisen – ausgesprochen oder unausgesprochen – zugleich kommunistische oder sozialdemokratische Visionen einer Zukunftsgesellschaft lebendig. Auch die Politiker der sich neuformierenden Parteien entwickelten ihre Konzepte ueberwiegend orientiert am Aufbau einer demokratischen deutschen Republik. Es bestand zunaechst weitgehend Konsens, dass das Deutsche Reich selbstverschuldet untergegangen sei. Erst spaeter erhob die Bundesrepublik Anspruch darauf, Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches zu sein. Wenn es eine Partei gab, die sich am konsequentesten am Fortbestand zwar nicht des Reiches, aber der in ihm verkoerperten nationalen Einheit mit Berlin als Hauptstadt festhielt, so war dies die KPD. Sie demonstrierte dies auch in ihren Parteistrukturen und -aktivitaeten10, selbst um den Preis einer verspaeteten organisatorischen Verselbstaendigung der Partei im Westen. Trotz der generellen Orientierung der Parteien auf einen mehr oder weniger foederal strukturierten einheitlichen deutschen Staat, traten fruehzeitig auch zentrifugale Tendenzen in Erscheinung. Hier wirkten nachvollziehbare Aversionen gegen die mit der Reichsgruendung verbundenen Verpreussung Deutschlands.11 Verbreitet war im Westen und Sueden eine Distanz zur Hauptstadt

9 Siehe Rolf Badstuebner: Das Deutschlandprojekt. Code Terminal – Die Potsdamer Konferenz der Alliierten vor 70 Jahren. In: neues deutschland vom 1./2. August 2015. 10 Siehe Guenter Benser: Neubeginn ohne letzte Konsequenz (1945/46) (= Der deutsche Kommunismus. Selbstverstaendnis und Realitaet, Band 4), Berlin 2009, S. 66-68. 11 Die offizielle Aufloesung Preussens erfolgte erst mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947.

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Berlin und zu in Berlin residierenden – und damit sowjetischen Einfluessen ausgesetzten – Parteizentralen.12 Kurt Schumacher baute sein Parteibuero in Hannover bewusst als Gegenpol zu dem in Berlin angesiedelten Zentralausschuss der SPD aus. So entwickelte sich die Nachkriegssozialdemokratie frueher als andere Parteien als eine zonal aufgespaltene Partei. Es bildeten sich separatistische und autonomistische Bewegungen, die sich aus der Konkursmasse des Dritten Reiches hinwegstehlen wollten und sich besonders in linksrheinischen Gebieten, in Suedschleswig und anderen Regionen bemerkbar machten. Vertreter der Domowina forderten ueberaus weitgehende Autonomierechte der Sorben und erwogen einen Anschluss an die Tschechoslowakei. In Bayern wurden weitgehende separatistische Optionen verfochten. So vertrat der CSU-Funktionaer Richard Jaeger eine „Saeuberung […] des Volksganzen von allen fremden Elementen“. Nur der Bayer habe „ein Recht, dauernd in Bayern zu leben, in Gemeinde und Staat das Wahlrecht auszuueben und dem Land als Beamter zu dienen.“13 Selbst bei Kommunisten soll es Erwaegungen gegeben haben, ihre Organisation in Bayrische Kommunistische Volkspartei umzubenennen.14 Dominant wurden allerdings die Abgrenzung von der sowjetisch besetzten Zone und die Orientierung auf eine Buendelung der westdeutschen Laender. Am fruehesten und etschiedensten wurde diese Position von Konrad Adenauer vertreten, der den von Russland besetzten Teil Deutschlands „fuer eine nicht zu schaetzende Zeit fuer verloren“ hielt. Er lancierte durch den Schweizer Generalkonsul Franz-Rudolph von Weiss schon im September 1945 ein entsprechendes Memorandum nach Paris.15 In einem am 5. Oktober 1945 in der englischen Zeitung „News Chronicle“ erschienenen Interview praezisierte Adenauer seine Offerte dahingehend, dass es das Beste waere, aus den drei westlichen Zonen einen Bundesstaat zu bilden und diesen so eng wie moeglich mit der Wirtschaft Belgiens und Frankreichs zu verflechten.16 Wir haben es also mit einer diffusen Ausgangslage zu tun, in der der Erhalt des deutschen Einheitsstaates fuer massgebende deutsche Politiker keine Selbstverstaendlichkeit war. So kam auch kein Mindestkonsens deutscher Politik zustande, mit dem alle Parteien – unter Berufung auf das Potsdamer Abkommen – ungeachtet bestehender Gegensaetze deutsche Interessen gegenueber den Siegermaechten haetten vertreten koennen. Was waere als Hauptpunkte eines solchen Konsenses denkbar gewesen? 1. Die deutsche Bevoelkerung wird gemeinsam aus ihrer Not, aus den Gefaehrdungen durch Hunger, Seuchen, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, allgemeiner Verunsicherung und Demoralisierung herausgefuehrt. 2. Die ueberreste des Faschismus und Militarismus werden gruendlich beseitigt und die Fundamente einer neuen Demokratie gemeinsam gelegt. 3. Es werden Garantien geschaffen, damit nie mehr von deutschem Boden Krieg ausgehen kann. 4. Deutsche Belange werden gegenueber den Alliierten gemeinsam verfochten; insbesondere soll mit Blick auf einen kuenftigen Friedensvertrag fuer Einheit und gerechten Frieden eingetreten werden.

12 Siehe Guenter Benser: Berlin und die historische Chance des Jahres 1945. In: Zeitschrift fuer Geschichtswissenschaft 1987/7. 13 Klaus-Dietmar Henke/Hans Woller (Hrsg.): Lehrjahre der CSU. Eine Nachkriegspartei im Spiegel vertraulicher Berichte an die amerikanische Militaerregierung (=Schriftenreihe der Vierteljahrshefte fuer Zeitgeschichte Nr. 48), Stuttgart 1984, S. 159. 14 Siehe Richard Stoess (Hrsg.): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 19451980, Band I: AUD bis FDP (= Schriften des Zentralinstituts fuer sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universitaet Berlin Band 38), Opladen 1983, S. 396. 15 Hanns Juergen Kuesters/Hans Peter Mensing (Hrsg.): Kriegsende und Neuanfang am Rhein. Konrad Adenauer in den Berichten des Schweizer Generalkonsuls Franz-Rudolph von Weiss 1944-1945, Muenchen 1986, S.31, 206. 16 Siehe Konrad Adenauer: Erinnerungen 1945 – 1953, Stuttgart 1965, S. 34/35.

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Im Osten kam mit der Blockpolitik ein solcher Konsens zu einem gewissen Grade zustande, im Westen und zwischen den Zonen nicht. So stiess die Einbeziehung deutscher Territorien, ihrer materiellen und menschlichen Ressourcen in die sich zunehmend befehdenden weltpolitischen Lager auf keinen parteiuebergreifenden oder zumindest konzertierten Widerstand von deutscher Seite. Der Einschaetzung von Wolfgang Benz, langjaehriger Direktor des Berliner Zentrums fuer Antisemitismusforschung an der TU Berlin, koennen wir uns im Wesentlichen anschliessen: „Das Tempo des Auseinanderdriftens der Ostzone und der Westzonen bestimmten die Westmaechte unter Fuehrung der USA im Einklang mit der Bevoelkerung ihrer Besatzungsgebiete. Aber die Anlaesse boten die Politik der Sowjetunion und auch das Agieren Frankreichs. Den Kurs zur Gruendung der Bonner Republik und deren Integration in das westliche System gaben die Vereinigten Staaten vor. Die Sowjetunion konnte nur reagieren…“.17 Die Geschichte der deutschen Teilung kann und soll hier nicht behandelt werden. Erinnert sei nur an wesentliche Stationen dieses Prozesses und deren Auswirkungen auf die nationale Frage und die Beziehungen zwischen den Deutschen. Ende 1947/Anfang 1948 waren die Weichen fuer eine westdeutsche Staatsgruendung, die eine entspreche Antwort im Osten herausforderte, definitiv gestellt. Im Herbst 1949 konstituierten sich die BRD und die DDR. 1954/1955 wurde die Spaltung durch die Pariser Vertraege zementiert. Beide deutsche Staaten wurden Mitglieder einander konfrontativ gegenueberstehender Militaerpakte, der NATO beziehungsweise des Warschauer Vertrages. Dies war verbunden mit der Verkuendung staatlicher Souveraenitaet. Das hob die Abhaengigkeit von und die Bevormundung durch die jeweilige Fuehrungsmacht – USA beziehungsweise UdssR – nicht auf, wobei die DDR an der kuerzeren Leine gehalten wurde. Waehrend in der DDR der Grundsatz galt „Zwei Staaten – eine Nation“, erhob die BRD einen Alleinvertretungsanspruch fuer alle Deutschen und drohte allen Staaten, welche die DDR diplomatisch anerkannten mit Sanktionen und den Abbruch der Beziehungen (Hallstein-Doktrin). Anfang der 70er Jahre kam es mit dem Vierseitigen Berlin-Abkommen und dem Vertrag ueber die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zu vertraglichen Regelungen der deutsch-deutschen Beziehungen. Beide deutsche Staaten wurden Mitglied der UNO. Die BRD vermochte nicht auf Dauer an der Hallstein-Doktrin fest zu halten. Die DDR-Fuehrung begegnete der Entspannung zwischen BRD und DDR mit einem Kurs der gesellschaftspolitischen Abgrenzung. Sie trennte sich von der in der Verfassung enthaltenen Definition der DDR als „sozialistischer deutscher Nation“ und sprach nun von einer sich herausbildenden „sozialistischen Nation“ in der DDR. Die voranschreitende Spaltung Deutschlands und die getrennten, konfrontativen Wege der beiden deutschen Staaten lassen sich nur als Teil einer weltumspannenden Systemauseinandersetzung begreifen, deren Hauptakteure die UdssR und die USA waren. Beide Fuehrungsmaechte hatten aus geostrategischen Gruenden ihren deutschen Juniorpartnern eine herausgehobene Rolle zugemessen. In diesem Systemwettbewerb verfochten beide deutsche Staaten miteinander unvereinbare Gesellschaftsentwuerfe und setzten auf deren „Wirkung“, das heisst, dass sie laengerfristig auf die nachhaltigeren Erfolgschancen und die groessere Anziehungskraft ihres Konzeptes in Theorie und Praxis setzten. Diese Auseinandersetzung wurde auf jeglichen Feldern der Politik, der oekonomie, der Ideologie und Kultur und von beiden Seiten mit lauteren und unlauteren Methoden ausgetragen. Gegenueber standen sich vor allem

17 Wolfgang Benz: Wie es zu Deutschlands Teilung kam. Vom Zusammenbruch zur Gruendung der beiden deutschen Staaten 1945-1949, Muenchen 2018, S. 7.

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Die bundesdeutsche repraesentative Demokratie, in der Parteien um die Regierungsverantwortung konkurrierten und die Lobby der Konzerne und maechtigen Wirtschaftsverbaende immer staerker an Einfluss gewann und das durch die politische Vormacht einer keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegenden Staatspartei gekennzeichnete politische Regime der DDR, indem allerdings im Rahmen gesellschaftlicher Organisationen, auf Basis der Betriebe und Wohngebiete den Werktaetigen konkrete Einflussmoeglichkeiten eingeraeumt waren;  Der zunaechst sozialstaatlich etwas gezuegelte, insgesamt aber kraeftig expandierende westdeutsche Kapitalismus und die auf staatlich verwaltetes gesellschaftliches Eigentum beruhende geplante oekonomie der DDR. Gekennzeichnet durch ein erhebliches Produktivitaetsgefaelle zu Ungunsten der DDR, das nicht zuletzt aus den schlechteren Startbedingungen, den weitaus hoeheren Wiedergutmachungsleistungen und vom Westen verhaengter Embargos resultierte und die Entwicklung des Lebensstandards letztlich bestimmte.  Daraus resultierende beziehungsweise damit verbundene Wertvorstellungen – im Westen mit dem Vorrang von Freiheit, genutzt nicht zuletzt als Freiraum fuer Individualismus. Im Osten mit dem Vorrang von Gleichheit und sozialer Durchmischung der Gesellschaft. Im Westen ueberwogen pluralistische Theorien und Ideologen, im Osten wurde der Marxismus-Leninismus zur unanfechtbaren Wahrheit erhoben.

Die hier nur grob angedeuteten Gesellschaftsentwuerfe wurden auf beiden Seiten mehr oder weniger dogmatisiert und instrumentalisiert. An den realen objektiven Chancen gemessen, handelte es sich indes um einen HandicapWettlauf der DDR. Sie war der kleinere, bevoelkerungsschwaechere, ressourcenaermere Teil Deutschlands. Sie trug mit Abstand die Hauptlast der Wiedergutmachungsleistungen und Besatzungskosten. Sie litt unter dem grausamen Erbe stalinistischer Deformationen und Repressionen. Und sie war mit zwei politischen Hypotheken konfrontiert, die ihre Wurzeln in Fehlentwicklungen der kommunistischen Bewegung hatten. Die im Osten eingeleitete gesellschaftspolitische Umwaelzung vollzog sich im Wesentlichen als „Revolution von oben“, gesteuert von einer die absolute Fuehrungsrolle beanspruchenden Partei, doch getragen von engagierten, von sozialistischen Idealen ueberzeugten Leuten. Diese sahen sich einer differenziert agierenden, sich von Fall zu Fall entscheidenden Bevoelkerungsmehrheit wie auch direkten Feinden gegenuebergestellt. Doch nicht ein „Niedergang auf Raten“, wie oft behauptet wird, sondern ein wellenfoermiger Wechsel von Phasen zunehmender Stabilitaet und Zuversicht einerseits und Phasen der Destabilisierung und des Verlustes an Zustimmung kennzeichnet den Weg der DDR. Aussenpolitisch wurde die DDR gehemmt durch eingeschraenkte Souveraenitaet und die Abhaengigkeit von der Supermacht UdssR, die allerdings in der Realitaet zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche und durchaus nicht durchweg negative Wirkungen zeitigte. Der hier angedeuteten Kalamitaeten war sich ein Politiker wie Walter Ulbricht durchaus bewusst. Er kompensierte demokratische Defizite der DDR mit dem Griff in die Geschichte. Nicht mit formaldemokratischen Argumenten erklaerte er die DDR zum „rechtmaessigen deutschen Staat“, sondern indem er der aggressiv-kriegerischen und antidemokratisch-ausbeuterischen, in die Katastrophen zweier Weltkriege fuehrenden Politik der herrschenden Klassen Deutschland eine zur DDR hinfuehrende Linie des Kampfes um eine antikapitalistische, antifaschistische Friedenspolitik gegenueberstellte.18 Es gab durchaus nachvollziehbare Gruende, sich dem von Konrad Adenauer eingeschlagenen Weg der Restauration monopolkapitalistischer Verhaeltnisse, der separaten Staatsgruendung, der Westintegration, der Politik der Staerke gestuetzt auf Wiederaufruestung und NATO-Beitritt zu widersetzen. Gleichwohl war dies ein Wagnis, das nur in Anlehnung an die UdssR und im Rahmen des von ihr gefuehrten Weltlagers Erfolg haben konnte. Dabei gab es durchaus historische Prozesse, aus denen sich Zuversicht schoepfen liess. Bis ins buergerliche Lager hinein, hatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Auffassung um sich gegriffen, dass zwischen

18 Siehe Guenter Benser: Ulbricht vs. Adenauer. Zwei deutsche Staatsmaenner im Vergleich, Berlin 2015, S.59-61.

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Faschismus und monopolkapitalistischen Strukturen und Interessen ein Zusammenhang besteht, der Eingriffe in die Eigentumsverhaeltnisse erfordert. Die UdssR stand 1945 angesichts ihrer Leistungen und der von ihr erbrachten Opfer bei der Zerschlagung des Hitlerfaschismus auf dem Hoehepunkt ihres internationalen Ansehens. Die kommunistische Bewegung hatte in zahlreichen kapitalistischen Laendern eine nie wieder erreichte Staerke gewonnen und war in die Regierungen wichtiger Staaten gelangt. In Osteuropa, im Fernen Osten und spaeter auch in Kuba entstanden staatssozialistische Macht- und Produktionsverhaeltnisse. Das Kolonialzeitalter ging zu Ende und mehrere ihre Unabhaengigkeit gewinnende Staaten Afrikas versuchten, einen nichtkapitalistischen Entwicklungsweg einzuschlagen. In der Kosmosforschung gerieten die USA gegenueber der Sowjetunion in Rueckstand. Die auf Beratungen der kommunistischen und Arbeiterparteien verkuendete Definition der Epoche als „Epoche des uebergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus“ stuetzte sich auf solche Tatsachen, wenngleich sie die gegenlaeufigen Entwicklungstendenzen, die Mobilisierung der Gegenkraefte, vor allem deren ueberlegenheit bei der Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution und die Anziehungskraft des „american way of life“ unterschaetzte. Die DDR rechnete ueberdies mit einem Zugewinn an Handlungsfreiheit, mit der Aussicht, in absehbarer Zeit als Deutsche zunehmend wieder Herr im eigenen Hause zu werden. Sie setzte uebertriebene Erwartungen in die zunehmende Dominanz des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln und auf die Herausbildung eines neuen Eigentuemerbewusstseins und eines neuen Charakters der Arbeit. Insgesamt hatte die DDR keinen schlechten Start. Sie regelte mit einem umfassenden Gesetzeswerk – dem Gesetz der Arbeit, dem Landarbeiterschutzgesetz, dem Gesetz ueber Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau, dem Jugendfoerderungsgesetz, dem Gesetz ueber den Fuenfjahrplan und den von den Landtagen in Sachsen in Brandenburg erlassenen Gesetzen ueber die Gleichberechtigung der Sorben – zentrale Bereiche des gesellschaftlichen Leben. Sie ergriff Initiativen zur Loesung der deutschen Frage und anerkannte mit dem sogenannten Goerlitzer Abkommen die Oder-Neisse-Grenze als Friedensgrenze. Es war vor allem die Eskalation des Kalten Krieges, der in Korea in den heissen Krieg umschlug, der die DDR von diesem Weg abdraengte, ihr Ruestungslasten und eine forcierte Entwicklung der Schwerindustrie aufzwang, die ohne schwerwiegende Abstriche an der Sozialpolitik nicht zu schultern waren. Diese Veraenderungen der Handlungsspielraeume und eine forcierte Transformationsstrategie, verbunden mit einer repressiven und doktrinaeren Machtpolitik fuehrten in jene krisenhafte Situation, die sich am 17. Juni 1953 entlud. Das machte einen „neuen Kurs“ unausweichlich. Auch die BRD sah sich angesichts ihrer Wiederaufruestung einem starken Gegendruck ausgesetzt, dem sie jedoch mit einem besseren Krisenmanagement, gestuetzt auf den einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung, zu begegnen vermochte. Nicht unbegruendet beruft sich die BRD auf die ihren Buergern gewaehrten individuellen Freiheiten und auf den der DDR ueberlegenen materiellen Wohlstand. Es lassen sich jedoch nicht wenige Bereiche anfuehren, in denen sich die DDR als das bessere Deutschland erwies. Hier erfolgte die Abrechnung mit dem Faschismus weitaus gruendlicher als in der BRD. Das veranlasste den westdeutschen Historiker Christoph Klessmann zu dem Urteil: „In der Grundkonzeption war die sowjetische Form der Entnazifizierung in der Verbindung von schnellen und einschneidenden Struktureingriffen mit umfassender, aber gezielter personeller Saeuberung und fruehzeitiger Reintegration der Mitlaeufer ohne Zweifel das konsequenteste und effektivste System aller Besatzungszonen.“19 Das hebt nicht auf, dass nazistische, rassistische, antisemitische Auffassungen und Verhaltensweisen in Teilen der Bevoelkerung fortwirkten. Aber niemals – weder in der DDR, noch in der BRD – konnten rechtsextremistische, rassistische, neofaschistische Kraefte so offen, so

19 Christoph Klessmann: Die doppelte Staatsgruendung. Deutsche Geschichte 1945-1955, Goettingen 1982, S. 84.

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provokativ und aggressiv in Erscheinung treten, wie das im neuvereinten Deutschland der Fall ist. Und wenn dem so ist, muss das wohl etwas mit dem Vollzug des Anschlussprozesses und den in der erweiterten Bundesrepublik vorgenommen strukturellen und gesellschaftspolitischen Veraenderungen zu tun haben. Auf wichtigen Feldern emanzipatorischen Fortschrittes war die DDR der BRD zeitlich und meist auch in der konsequenten Umsetzung deutlich voraus.20 Das gilt zum Beispiel fuer die Einfuehrung der Volljaehrigkeit mit 18 Jahren, die Gleichstellung unehelicher Kinder, das Verbot der Pruegelstrafe in den Schulen, die flaechendeckende Kinderbetreuung in Krippen, Kindergaerten und Schulhorten, die Brechung des Bildungsprivilegs der Wohlhabenden und die Einfuehrung der Ganztagsschule. Die DDR ging voran bei der rechtlichen Gleichstellung beider Ehepartner und der Erleichterung von Ehescheidungen unter Aufhebung des Verschuldungsprinzips, bei der Milderung und schliesslichen Aufhebung des Paragraphen 218, der den Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellte. Gleiches galt fuer den Paragraphen 175, der Homosexualitaet unter Strafe stellte. Im Unterschied zur BRD existierte in der DDR eine den Gewerkschaften unterstellte allgemeine Sozialversicherung, eine gesicherte Gesundheitsbetreuung mit multidisziplinaeren Polikliniken und kostenloser Abgabe der Verhuetungspille, mit regelmaessigen prophylaktischen TBC-Untersuchungen und einem Krebsregister. Die DDR hatte das effektive Recyclingsystems „SERO“ eingefuehrt und eher als die BRD ein Ministerium fuer Umweltschutz gebildet. Im ostdeutschen Staat gab es zuerst eine Ministerin, eine Hochschulrektorin, eine TV-Nachrichtensprecherin, eine TV-Kriminalkommissarin. Nicht im Rechtsstaat Bundesrepublik, sondern im „Unrechtsstaat“ DDR konnte sich jeder Werktaetige auf seine im Arbeitsgesetzbuch verstaendlich gefassten Rechte berufen, jeder Buerger und jede Buergerin sich auch ohne hohe Anwaltskosten auf die Regelungen des Zivilgesetzbuches und des Familienrechtes stuetzen. Das gravierendste Beispiel eines Vorangehens der BRD ist die Abschaffung der Todesstrafe, die in der BRD mit Einfuehrung des Grundgesetzes erfolgte. In der DDR wurde die Todesstrafe, die allerdings seit 1970 kaum noch verhaengt und vollstreckt wurde, erst 1987 aufgehoben Aussagekraeftig ist auch ein Vergleich der Kulturlandschaft: „1988 gab es in der DDR 68 selbstaendige Theater, die etwa zweihundert Spielstaetten zur Verfuegung hatten. Die dreimal groessere Bundesrepublik besass auch nur 120 Theater. Und in keinem anderen Land gab es mehr Orchester – bezogen auf die Anzahl der Einwohner oder Flaeche – als in der DDR. So hatte diese im Vergleich zur Bundesrepublik eine dreimal dichtere Versorgung pro Einwohner, im Vergleich zu den USA eine 7,5-mal dichtere, und im Vergleich mit Grossbritannien eine fast 30-mal dichtere Versorgung je Einwohner mit Orchestern.“21 Insofern zeugt es von einer massiven Portion Ignoranz oder zumindest Unkenntnis, wenn Leute, die sich solcher Vorzuege der DDR erinnern, pauschal als Nostalgiker abgestempelt werden. Wie auch immer – die Gruendungserwartungen der DDR sind nicht oder nur ansatzweise eingetreten. Warum dies so war, ist eine Frage, die uns noch lange beschaeftigen wird. Wir begegnen oft Diskussionen, ob die DDR an ihrem Rueckstand in der Arbeitsproduktivitaet und damit an ihrer oekonomischen Unterlegenheit oder an ihren repressiven Strukturen und Demokratiedefiziten gescheitert sei. Ob sie einem uebermaechtigen aeusseren Feind erlegen ist oder ob sie das eigene Potential nicht hinreichend genutzt und eine wachsende Kluft zwischen Fuehrung und Bevoelkerung, zwischen Parteiapparat und Mitgliedschaft zugelassen wurde.

Zum Entweder-Oder hochstilisiert, wird sich auf diese Fragen keine befriedigende Antwort finden lassen. Denn es musste sehr viel zusammenkommen, damit ein von der Elbe bis zum Stillen

20 Diese Fakten wurden vor allem von Siegfried Prokop und Arno Graef zusammengetragen.

21 Gerd Dietrich: Kulturgeschichte der DDR, Band I: Kultur in der uebergangsgesellschaft 1945-1958, Goettingen 2018, S. XI.

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Ozean reichendes sozialistisches Weltsystem mit einem Ableger in der Karibik und Ansaetzen in Afrika entstand. Und es musste sehr viel an inneren und aeusseren Geschehnissen zusammenkommen, um dieses System zum Einsturz und Verschwinden zu bringen. Welche Gewichtung dabei einzelnen Aspekten zukommt, wird wohl dauerhafter Diskussionsstoff bleiben. Was uns vor allem interessieren sollte, ist die Frage, was die vermeidbaren Ursachen waren, worin die nicht behobenen Schwierigkeiten bestanden, die zum Kollaps des Realsozialismus gefuehrt haben. Denn hier gilt es vor allem anzusetzen, um kuenftig erfolgversprechendere Wege zu finden. Wenngleich hier vor allem das Hauptland des internationalen Sozialismus, die UdssR, ins Visier zu nehmen ist, sind alle Staaten des sozialistischen Lagers betroffen. Sehen wir einmal davon ab, welche Lasten dem sozialistischen Experiment auch in der DDR durch die Stalinaera, deren Fehlentwicklungen, strukturellen Irrwege und Verbrechen auferlegt waren, (was nur als Gedankenspiel moeglich ist), so stossen wir auf die ungeloesten Probleme der DDR, die in die Sackgasse fuehrten.

In der oekonomie hat sich gezeigt  Es ist nicht gelungen, eine der kapitalistischen Konkurrenz und Profitsucht ueberlegene oder ebenbuertige Triebkraft der Wirtschaftsentwicklung entgegenzusetzen beziehungsweise einen Entwicklungsweg einzuschlagen, der auf anderen Pfaden eine ueberlegene Lebensweise hervorbringt.  Es konnten in der volkseigenen Wirtschaft keine das Eigentuemerbewusstsein der Werktaetigen voll zur Entfaltung bringenden Strukturen installiert werden.  Die Wirtschaftsplanung war nicht nur durch den Mangel an materiellen und humanen Ressourcen beeintraechtigt, ihr fehlten auch eine fuer Bilanzierungen unerlaessliche Datenverarbeitung, wie sie erst das Computerzeitalter hervorgebracht hat.  Die in unterschiedlichem Grade in Erscheinung tretenden Auswirkungen auf die Versorgung der Bevoelkerung erwiesen sich als ein wesentlicher Indikator fuer die Akzeptanz der Gesamtpolitik.

Dass die Anpassungs- und Reformfaehigkeit des Kapitalismus lange Zeit straeflich unterschaetzt wurde, hat diese Defizite noch potenziert.

In der Politik erwiesen sich die Demokratiedefizite und die Versuche, gesellschaftliche Widersprueche mit autoritaeren und repressiven Methoden zu loesen, als schwerwiegende Hemmnisse. Dies zeigte sich vor allem  In der Begrenzung demokratischer Mitgestaltung auf die Durchfuehrungsprozesse einer von der Fuehrung vorgegebenen Generallinie, in einer Kaderpolitik, die einer demokratischen Auslese der Funktionaere fuer Spitzenpositionen in Partei und Staat entgegenstand.  In einem verabsolutierten und formalisierten Fuehrungsanspruch der marxistischleninistischen Partei, der Buendnispolitik auf Augenhoehe ausschloss. Er entsprang dem Festhalten an einem unter Ausnahmebedingungen durchgesetzten, auf Lenin zurueckgehenden, unter Stalin pervertierten Parteimodell.  In beschraenkter staatlicher Souveraenitaet unter andauernder, wenngleich abnehmender Bevormundung durch UdssR und KPdSU. Kultur und Wissenschaft wurden schwer belastet  Durch eine strikte Verneinung pluralistischer Positionen und Loesungswege, durch Zensur, dogmatische Gaengelei von Kuenstlern und Wissenschaftlern.

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Das fuehrte zu argen, selbstverschuldeten Verlusten an kreativen Persoenlichkeiten, die zu Feinden des Sozialismus erklaert wurden, obwohl sie nur gegen eine ihrer Meinung nach verfehlte Politik opponierten oder Distanz uebten.

Manches hier Angefuehrte laesst sich mit dem gewagten Vorstoss in gesellschaftspolitisches Neuland erklaeren. Vieles stellte jedoch auch einen Bruch mit guten Traditionen und positiven Erfahrungen der deutschen Arbeiterbewegung dar. Seine ungeloesten Probleme hat auch der Kapitalismus des Westens, und diese sind in ihren globalen Dimensionen noch dramatischer: Klimawandel, Verwicklung in kriegerische Konflikte auf fast allen Kontinenten, Fluchtbewegungen nie bekannten Ausmasses, eine sich immer weiter oeffnete Schere zwischen arm und reich, Auseinanderdriften der Europaeischen Union und zerfallende Gemeinsamkeiten in internationalen Organisationen und Pakten, Handelskrieg, sinkende Akzeptanz des Establishments und der parlamentarischen Demokratie, Vormarsch rassistischer, chauvinistischer, neofaschistischer Bewegungen. Wie der kapitalistische Westen aus seiner Sackgasse herausfinden koennte, ist derzeit nicht zu erkennen. Eine in die Tiefe gehende Analyse der beiden deutschen Entwicklungswege der Nachkriegsperiode hat beim Vollzug der deutschen Neuvereinigung keine Rolle gespielt. Kohl lobte die friedliche Revolution, vermied aber die Frage, ob diese auch der westdeutschen Bundesrepublik etwas zu sagen habe. Tonangebend waren Siegermentalitaet und Expansion des bundesdeutschen Kapitals. „Bereichert Euch!“ wurde zum Handlungsmotiv vieler Vereinigungsgewinner. Wenn die Bundestagsmehrheit von 1992 ein Verstaendnis fuer das historische Wesen dessen gehabt haette, was sie „deutsche Wiedervereinigung“ nannte, wenn es um Aufklaerung und Aussoehnung gegangen waere, dann haette sie eine Enquetekommission „Deutschland im kalten Krieg und dessen Folgen“ gebildet. So aber musste es eine einseitige Abrechnung sein: „Aufarbeitung der Geschichte und Folgen der SED-Diktatur“. Dabei waren doch einer autonomen souveraenen Politik auf beiden Seiten Grenzen gesetzt. Im „Spiegel“ wurde dereinst ein aufschlussreicher Vergleich gezogen. Dort war zu lesen: „Vergleicht man die deutschen Republikgruender Ebert, Ulbricht, Adenauer, so ist nicht einzusehen, warum der eine erfolgreicher als die anderen war. Aus eigener Kraft ist keiner zu seinem Staat gekommen. Alle drei galten ihren Helfern als Verwalter. Ebert der Reichswehr, Ulbricht den Sowjets, Adenauer den Alliierten dieser Seite.“22 Die deutsche Teilung hatte sich verfestigt, doch die internationale politische Szene konnte recht gut mit der Existenz von zwei deutschen Staaten leben. Das bestaetigte sich dann auch in der anfangs ziemlich reservierten Haltung Grossbritanniens, Frankreichs und anderer Staaten gegenueber der forcierten Anschlusspolitik Helmut Kohls. Auch fuer den Bundeskanzler selbst war die Herbeifuehrung der deutschen Einheit keine Aufgabe des Tages, sondern eine Hoffnung auf weite Sicht. Als 1989 die Ausstellung „40 Jahre Bundesrepublik Deutschland“ eroeffnet wurde, verfasste er das Vorwort zum Katalog. Hier konstatierte er „vierzig Jahre vergeblicher Anstrengungen, die Einheit wieder herzustellen“. Und er sah eine Loesung der deutschen Frage nur im Rahmen einer „europaeischen Perspektive“.23 Der Rest ist Vielen noch in frischer Erinnerung und wird uns haeufig in den Medien vorgefuehrt. Was dabei meist unterschlagen bleibt, ist die Tatsache, dass es keinen friedlichen Umbruch gegeben haette, ohne das besonnene Handeln nicht weniger Partei- und Staatsfunktionaere der DDR.24 Doch schon bald trat im revolutionaeren Erneuerungsprozess, der auf eine demokratisch

22 Der meistgehasste, meist unterschaetzte Mann. Walter Ulbricht – was dem DDR-Gruender gelang, wo der Staatsratsvorsitzende scheiterte. In: Der Spiegel 20/1971. 23 Vierzig Jahre Bundesrepublik Deutschland. Eine Ausstellung des Bundesarchivs im Auftrag der Bundesregierung. Katalog bearbeitet von Anselm Doering-Manteuffel und Friedrich P. Kahlenberg, Koblenz 1989, S. V/VI. 24 Siehe Michael Bartsch: Gewaltfreiheit war wichtiger als die Macht. Ohne das Einlenken von SED

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und oekologisch reformierte sozialistische DDR abzielte – nicht ohne die Einflussnahme Bonns – anstelle der Devise „Wir sind das Volk“ die Losung „Wir sind ein Volk“. So wurde der Weg fuer den ueberstuerzten Anschluss der wieder gebildeten ostdeutschen Laender an die BRD gemaess 146 des Grundgesetzes geebnet. Daniela Dahn hat bilanziert, was von den Wendezeitforderungen der DDR-Buergerbewegung im vereinten Deutschland realisiert worden ist. Das Ergebnis faellt sehr ernuechternd aus. Den erfuellten individuellen Freiheitsanspruechen und Konsumbeduerfnissen stehen die Leerstellen in nahezu allen grundlegenden gesellschaftspolitischen Anliegen gegenueber.25 Davon war in den massenhaft kolportierten Erinnerungen an den Mauerfall kaum etwas zu hoeren. Offenkundig haben sich die negativen Seiten des Anschlussprozesses, die vertanen Chancen und die Langzeitfolgen der Einverleibung der DDR als dauerhafte Erscheinung erwiesen. So greift die Einsicht um sich, dass der Umgang mit den Ostdeutschen auf Gesamtdeutschland zurueckschlaegt und die fuer unantastbar und stabil gehaltene parlamentarische Demokratie durcheinanderbringt, vor allem weil sich rechtsextremistische Kraefte dieses Politikums bemaechtigt haben. Noch hat niemand ein ueberzeugendes Konzept, wie dem zu begegnen ist. Es wird sich auch schwerlich finden lassen, solange die anmassende Gleichsetzung von deutsch und bundesdeutsch praktiziert und den einseitigen Geschichtserzaehlungen kein differenzierter Umgang mit „Zwei deutschen Staaten im 20. Jahrhundert“ entgegengesetzt wird. \